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Schuljahr 2022/23

So stärken Reliunterricht und Schulseelsorge die Schüler:innen in Krisenzeiten

Klassengemeinschaft

Religionslehrer:innen erleben immer wieder, wie wichtig ein guter Zusammenhalt in der Klasse für das Wohlbefinden ist

Schüler:innen, Eltern und Lehrer:innen blicken gespannt auf das Schuljahr 2022/23. Einerseits ist die Freude groß – besonders für Schulanfänger:innen. Andererseits machen Krisen nicht vor der Klassentür Halt.

„Meine Kinder freuen sich riesig darauf, ihre Freundinnen und Freunde nach den Ferien wieder zu sehen“, erzählt Pfarrerin Pia Baumann, Referentin für Gottesdienst im Zentrum Verkündigung der EKHN. Auch Pfarrer Claus Becker, der als Schulseelsorger, Religions- und Geschichtslehrer am Gymnasium Oberursel bekommt leuchtende Augen, wenn er an den Schulstart nach den Ferien denkt: „Ich freue mich wie Bolle, dass es wieder losgeht!“  

Ermutigung zur Einschulung 

Ein besonderes freudiges Ereignis ist der Beginn des neuen Schuljahres für viele Schulanfänger:innen. Der Religionspädagoge Dr. Peter Kristen vom Religionspädagogischen Institut von EKKW und EKHN (RPI), gibt den Kindern und ihren Familien mit auf den Weg: „Wie schön, dass ihr jetzt den Schritt an die Schule machen könnt! Für die Erstklässler:innen bringt die nächste Zeit viel Aufregendes. Eltern werden vielleicht mehr loslassen müssen, als sie sich vorgestellt haben.“ Zudem erinnert er an Einschulungsgottesdienste, wodurch die Familien „in diesen neuen Abschnitt feiern und ihm gesegnet entgegengehen können.“

Fürbitte zum Start ins neue Schuljahr

Für das neue Schuljahr 2022/23 legt Gottesdienst-Referentin Pfarrerin Pia-Baumann diese Fürbitte den Familien und Schulgemeinden ans Herz:

Ein langer Sommer geht zu Ende.
Das neue Schuljahr beginnt.
Wir bitten Dich, Gott, um deinen Segen.

Wir bitten für die Schülerinnen und Schüler.
Für einige ist es der allererste Schultag.
Andere sind schon „alte Hasen“ und kennen sich aus.
Manche sind neugierig, andere ängstlich.
Alle sind gespannt.
Gott, segne sie.

Fürbitte zum neuen Schuljahr weiterlesen

Resilienz stärken durch Ansprechbarkeit

Auch wenn sich viele auf die Schule freuen, steht das Schuljahr 2022/23 unter den Vorzeichen der Energie-Krise, des Ukraine-Krieges und den Folgen der Pandemie. Schulseelsorger Claus Becker verdeutlicht: „Ein 14-jähriger Schüler hat seine komplette Schulzeit vor dem Hintergrund verschiedener Krisen erlebt, 2015 fing es mit den Reaktionen auf die Flüchtlinge aus Syrien an“, erklärt der Schulseelsorger. Er bemerkt, dass unter den Schüler:innen in den letzten Jahre eine gewisse Dünnhäutigkeit zugenommen habe. Deshalb setzen sich die Lehrerkolleg:innen, das ganze Schulteam und er dafür ein: „Wir stärken die Resilienz der Jugendlichen dadurch, dass sie Sicherheit erfahren, dass jemand ansprechbar ist. Sie sollen erleben, dass sie nicht fallen gelassen werden.“ Zudem sei laut Claus Becker wichtig, „Probleme nicht wegzudiskutieren, sondern ernstnehmen und gemeinsam Lösungen zu finden.“  

Aus Verunsicherung kann neues Denken entstehen

Viele Herausforderungen, mit denen Schüler:innen zu ihm kämen, seien über die Jahre ähnlich geblieben. Es gehe um Mobbing, Sorgen um Schulversagen und Konflikte in der Familie. „Neu ist eine größere Nachdenklichkeit. Einzelne benennen das Thema Gender. Andere machten sich große Sorgen um den Klimawandel. „Teilweise ist eine gewisse Verzweiflung zu spüren. Sie fragen sich: Warum bekommen es die Erwachsenen nicht auf die Reihe? Warum sind sie so unvernünftig?“ Auch die Pandemie habe sich ausgewirkt, so seien Sicherheiten plötzlich weggebrochen, der Alltagsrhythmus war plötzlich ein anderer. „Aber aus der Verunsicherung heraus wird neues Denken möglich. Dazu gehört die Frage: Was muss ich in meinem Leben und meinem Umfeld ändern, damit ich den Problemen der Zukunft begegnen kann?“, so Pfarrer Becker. Auch der Krieg in der Ukraine beschäftige die Schüler:innen. 

Orientierung in Krisenzeiten schaffen - Umgang mit Dilemma-Situationen trainieren

Den Umgang mit diesen großen Krisen thematisiert er auch im Religions-Unterricht. Denn: „Krisen werden zu Katastrohen durch Menschen, die keine oder die falsche Orientierung haben“, so Pfarrer Becker. An diesem Punkt sieht Peter Kristen, der im RPI als Referent für Krisenseelsorge zuständig ist, eine wichtige Aufgabe für den evangelischen Religionsunterricht und die Schulseelsorge: „Religionslehrer:innen werden auch als Expert:innen für die großen Fragen des Lebens betrachtet und sind nicht selten in der Situation, auch ihre persönlichen Einstellungen zu einem aktuellen Thema einzubringen, ohne ihre eigene Haltung für die Schüler:innen verbindlich zu machen.“  

Weg zu eignen Entscheidungen begleiten – vor dem Hintergrund christlicher Werte

Deshalb ermutigt Schulseelsorger Claus Becker seine Schüler:innen, selbständig eine begründete Entscheidung bei moralischen Konflikten zu entwickeln. Pfarrer Becker erklärt: „Wenn es um den Ukraine-Krieg geht und wir entscheiden wollen, ob wir Waffenlieferungen in die Ukraine unterstützen wollen oder nicht, gibt es keine rundum gute Lösung. Jede Entscheidung schließt eine andere Option aus und zieht dadurch Nachteile mit sich.“  

Mut zu Aueinandersetzung mit schwierigen Themen kann Lebensqualität nachhaltig stärken

Pfarrer Becker ermutigt im Religionsunterricht die Schüler:innen, sich selbst eine eigene Meinung zu erarbeiten – und ihm nicht nach dem Mund reden. Ebenso beharrt er darauf, die jungen Leute mit praxisnahen Konflikten aus ihrem eigenen Leben zu konfrontieren, denn er ist überzeugt: „Wenn wir uns einem moralischen Konflikt stellen, gewinnen wir an Lebensqualität. Wir wissen: Es gibt keine wirklich perfekte Lösung. Aber ich motiviere dazu, trotzdem eine Entscheidung zu treffen und sie auch begründen zu können. Denn wenn wir uns ernsthaft mit den moralischen Aspekten auseinandergesetzt haben, können wir später leichter die Verantwortung für die Entscheidung tragen – und um Vergebung für die Nachteile bitten.“ Ein Vorgehen, das Krisenseelsorge-Referent Peter Kristen unterstützt. Er unterstreicht, dass der Religions-Unterricht konsequent von dem ausgehe, was für Schüler:innen relevant sei und frage danach, welche Aspekte eines Themas für sie bedeutsam werden könnten.

Christliche Werte als Basis

Eine wesentliche Basis für die Entscheidungsfindung seien laut Pfarrer Becker die eigenen Werte, in die christliche Haltungen einfließen können: „Gerade hier gibt es wunderbare biblische Gleichnisse und Erzählungen, die Orientierung geben.“ (z.B: Mt 12,1 ff, Mt 21,12, Mt 5,44, Mt 10,34) Auch RPI-Referent Kristen hält christliche Werte als Basis für eine fruchtbare Entscheidung grundlegend: „Ich glaube, alle Menschen sind gleich viel wert. Vor allem ältere Schüler:innen können die Brisanz dieser Behauptung erfahren und erproben. Was heißt das für ein noch nicht geborenes Baby, für Menschen mit Einschränkungen, für pflegebedürftige Menschen, für das Regime in Russland?“ Zudem benennt er die Verantwortung für die Schöpfung: Mit Blick auf die gefährdete Schöpfung entstünden seines Erachtens Aufgaben für uns alle: „Als Reaktion auf das Angenommensein bei Gott müssen wir uns fragen: Wie können wir schonend mit den Ressourcen umgehen? Gott hat uns zugetraut und aufgetragen, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Wie werden wir diesem Auftrag so gerecht, dass auch die Schüler:innen von heute eine lebenswerte Zukunft vor sich haben?“ 

Krisenseelsorge an Schulen

Etwa 65 über die Schulseelsorge hinaus qualifizierte Seelsorger:innen arbeiten in der ökumenischen Krisenseelsorge in Schulen. Über eine Rufbereitschaft sind sie von Schulleitungen kurzfristig zu alarmieren, wenn eine Schule von krisenhaften Situationen wie dem Tod einer Lehrperson betroffen ist. Sie arbeiten beratend oder direkt vor Ort auch in Kooperation mit der Schulpsychologie und der Notfallseelsorge. Normalität entlastet, ist hier eine wichtige Erfahrung. In Krisensituationen tut es gut, Strukturen beizubehalten, ein Tagesrhythmus, zum Beispiel, Essens- und Bettgehzeiten. Es tut gut, in Kontakt zu bleiben und in Bewegung. Wenn die schlechten Nachrichten überwältigend erscheinen, ist es eine angemessene Idee, den Nachrichtenkonsum (und die Onlinezeit) bewusst zu reduzieren. Vielen hat es geholfen, kreativ zu werden, zu schreiben, zu malen, zu fotografieren und darin ihre Selbstwirksamkeit zu erleben.
mehr über Krisenseelsorge an Schulen

Eltern und Lehrkräfte spirituell stärken

Mit eine Gebet möchte Religionspädagoge Peter Kristen alle Eltern, Lehrer:innen, Schulseelsorgende und Pädagogen für ihre wichtige Arbeit stärken:

Ich bitte Gott um Segen für alle,
die Kindern und Jugendlichen Zeit schenken und ihnen zuhören,
die die Welt empathisch aus ihren Augen sehen
und sie beraten und dabei unterstützen,
ihren Weg zu finden und zu gehen.

Amen

 

Schulseelsorge in der EKHN

Gute Gründe für den Religionsunterricht (PDF)

Religionspädagogisches Institut der EKKW und EKHN

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